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Meister Michael und sein kleines Reich

Auf 30 Quadratmetern bietet Schuster Singer in Pfaffenhofen

exquisite und selbstgemachte Schuhe

Bild: Der Schuhmacher und seine Schätze - Michael Singer in seiner Pfaffenhofener Werkstatt mit einem Paar seiner Schuhe. Foto: Tönnihsen
Pfaffenhofen (DonauKurier, 05.01.2010)
Wenn sich der Fuß des Kunden auf das überdimensionale Stempelkissen senkt, beginnt für Michael Singer die Arbeit. Bis zu 400 verschiedene Handgriffe, sagt Singer, liegen dann vor ihm. Die Profession des 48-Jährigen: Er fertigt Schuhe an. Einst war das ein Handwerk wie jedes andere, mittlerweile ist es fast schon exotisch. Schuhe von der Stange werden nicht in Deutschland gefertigt, dazu gehen die meisten Fabrikanten nach Asien, wo die Produktion nur einen Bruchteil kostet. Singers Schuhe sind keine Schnäppchen. Von ihm selbst maßgefertigt und rahmengenäht können sie zwischen 1000 und 3000 Euro kosten. Für ein Paar braucht er fast eine gesamte Arbeitswoche. Konfektionsschuhe edler Marken aus den USA und Ungarn bekommt man bei ihm ab 200 Euro aufwärts. Zu ihm kämen nicht nur Leute mit Geld, sagt er: "Es sind auch Leute, die rechnen können." Denn seine Schuhe, da ist er sich sicher, halten länger. Viel länger. "Schuhspanner rein, beizeiten reparieren – dann hat man richtig lange was davon."
Refugium der Stille
Das Reich des Meisters Michael an der Münchener Straße ist nur rund 30 Quadratmeter groß, die Hälfte nimmt die Werkstatt ein, und es wirkt wie ein Refugium der Stille. Früher führte hier die Bundesstraße 13 entlang, das mag man heute kaum noch glauben. Dieser Teil der Straße ist verkehrsberuhigt. Wer vorbeikommt, ist zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Singer ist hier groß geworden. Seine Eltern Michael sen. und Liselotte hatten seit den 50er Jahren ein Schuhgeschäft samt Reparaturwerkstatt. Schuhe und Menschen, sagt Michael Singer, damit habe er sein’ Lebtag arbeiten wollen. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Orthopädie-Schuhmacher in München, arbeitete als Geselle später auch in Ingolstadt. "Es ist wichtig, dass man auch mal von zu Hause wegkommt", sagt er. 1985 bestand er die Meisterprüfung und stieg in den elterlichen Betrieb ein. Doch während seine Eltern ein paar Meter weiter ein Schuhhaus auf vier Etagen betrieben, blieb er in den alten Räumen und spezialisierte sich auf Orthopädieschuhe und Reparaturen. "Ich mag es lieber kleiner und besonders", sagt er. Vor zwei Jahren weitete er sein Sortiment aus, nahm neben den Bequemschuhen auch edles Leder in sein Sortiment auf. Allen Edmonds, Laszló – Marken, für die etliche exquisite Kunden gerne mal nach München fahren. So wundert es nicht, dass mancher Käufer von weither in seinen Pfaffenhofener Laden kommt. Ob es dafür einen Markt gibt? "Ja, den gibt es. Manche sind regelrecht dankbar, dass es eine Alternative zum herkömmlichen Schuhhandel gibt." Wie das Geschäft läuft? "Es könnte besser sein, natürlich." Das sagt wohl jeder gute Kaufmann. Wenn es nicht so ein schlechtes Wortspiel wäre, könnte man Michael Singer, diesen Mann mit dem warmherzigen, verschmitzten Lächeln, einen Leisetreter nennen. Er ist ein Solist, und es gefällt ihm so. Wenn er krank ist, bleibt der Laden zu. So ist das eben, wenn man allein arbeitet. "Aber zum Glück bin ich von ernsteren Krankheiten bisher verschont geblieben", sagt er und lächelt wieder. Sein Beruf ist seine Leidenschaft. Das merkt man, wenn er davon erzählt. Seinen Anfang also nimmt der Schuh auf einem schlichten Stempelkissen, erklärt Singer. Trittspur nennen Schuhmacher das. So wird der Fuß abgemessen, anschließend der Leisten gefertigt, je nach Wunsch: klassisch wie der Budapester, elegant, bequem. Für die Frau, für den Mann. Als Halbschuh oder Stiefel. Singer macht einen Probeschuh aus Plastik, den der Kunde sich dann anzieht. "So bekommt er eine Vorstellung davon, wie der Schuh letzten Endes aussehen wird", sagt Singer. Das macht Sinn, schließlich kostet die Fußmode auch einiges.
Polieren ist die Kür
Ist der Kunde zufrieden, geht’s ans Leder. Der Schaft muss hergestellt werden, beim Auto würde man vom Chassis sprechen. Singer benutzt dafür gerne Kalbsleder, das er in der gewünschten Form zuschneidet, ehe er es über den Leisten zieht, befestigt, die Lederinnenkappen einsetzt und auf den Rahmen näht. Der Rahmen ist die erste Lage der Sohle, die zudem mit Kork und Leder verstärkt, geklebt und erneut vernäht wird. Fehlt noch die Kür, das Ausputzen und Polieren, dann steht das ganze Werk. Reklamationen, sagt Singer, habe er noch nie gehabt. "Das hat aber auch damit zu tun, dass der Kunde immer in den Arbeitsprozess mit einbezogen ist", sagt er. Seine meisten Kunden seien bisher Männer gewesen, "aber die Frauen ziehen nach". Demnächst will er auch englische Schuhe in sein Sortiment aufnehmen, auch den Orthopädieschuhen bleibt er treu. Singer hat eine Kassenzulassung. Und insgeheim spielt er mit dem Gedanken, sein Geschäft zu vergrößern, vielleicht in ein anderes Ladenlokal umzuziehen. "Schaun mer mal", sagt er. Und lächelt. Von Gereon Tönnihsen